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  • Sticky Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

    Abschied_2_gerahmt
    © miraliki  / pixelio.de

    Wie jede Blüte welkt
    und jede Jugend dem Alter weicht,
    blüht jede Lebensstufe,
    blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
    zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
    Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
    bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
    um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
    in and're, neue Bindungen zu geben.
    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
    der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

    Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
    an keinem wie an einer Heimat hängen,
    der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
    er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
    Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
    und traulich eingewohnt,
    so droht Erschlaffen!
    Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
    mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.

    Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
    uns neuen Räumen jung entgegen senden:
    des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
    Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

    (Herman Hesse)

  • [265] Julie Hastrup: Vergeltung

    Wald_gerahmt
    © Harry Hautumm  / pixelio.de

    Hastrup_VergeltungManche Bücher sind nicht überragend. Sie sind weder überragend geschrieben, noch erzählen sie eine überragend spannende Geschichte oder warten mit überragend tiefsinnigem Personal auf. Und dennoch mag man sie, weil sie einfach Lesefreude und ein paar gemütliche Lesestunden gebracht haben. So erging es mir mit diesem Thriller, der das Debüt der dänischen Autorin Julie Hastrup ist und der Anfang einer neuen Reihe rund um Ermittlerin Rebekka Holm.
    Eben jene Rebekka ist Teil der mobilen Spezialeinheit der dänischen Reichspolizei, die dazugerufen wird, wenn Ermittler mit besonderen Fähigkeiten und viel Erfahrung gebraucht werden. Und so verschlägt es Rebekka in die Kleinstadt Ringkøbing, in der ein junges Mädchen Opfer eines bestialischen Mordes geworden ist. Bevor ihre Leiche im Wald abgelegt wurde, wurde sie geschlagen, erstochen und erwürgt, mit so viel Hass, dass Rebekka davon ausgeht, dass die Tat persönlich motiviert war. Und während sie sich in den Fall einarbeitet, muss sie nicht nur gegen die Ressentiments mancher neuer Kollegen kämpfen, die nicht viel von der Hilfe der mobilen Spezialeinheit halten, sondern auch gegen ihre eigene Vergangenheit, denn Rebekka wuchs in Ringkøbing auf und ein privates Drama verbindet sie mit dieser Stadt.
    Mir hat gefallen, dass Rebekka keine dieser Frauen ist, die sich kämpferisch und leidend zugleich geben, wie man es oft hat, wenn weibliche Polizistinnen sich in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen müssen. Sie hat ihre Kämpfe, keine Frage, aber sie jammert nicht rum, sondern packt an, was sie mir sehr sympathisch gemacht hat.
    Da "Vergeltung" der Beginn einer Reihe sein soll, stört es mich auch kaum, dass die Figuren noch nicht ganz ausgereift sind. Es sind keine großen Lücken, aber die Autorin hat sich Raum gelassen für die weitere Entwicklung ihrer Helden.
    Für mich ist dieser Thriller ein vielversprechender Anfang, da ich die unaufgeregte Art Hastrups, eine Geschichte zu erzählen, sehr mag. Ich bin gespannt, wie es weitergeht mit Rebekka Holm und hoffe, dass da noch was kommt, denn Potential hat sie.

    stars3

  • [264] Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

    Zuhörer_gerahmt
    © Heike Irmen  / pixelio.de

    Joyce_Harold FryDieses Buch war nicht das, was ich angesichts des Covers erwartet hatte, aber in diesem speziellen Fall ist das gut. Denn erwartet hatte ich eher eine kleine Geschichte aus dem All-Age-Bereich, bekommen habe ich jedoch einen Roman mit Tiefgang, Ernst und Nachdenklichkeit.
    Rachel Joyce erzählt in ihrem ersten Roman die Geschichte des Rentners Harold, der an einem ganz normalen Vormittag im April einen Brief von einer alten Bekannten bekommt. Er und Queenie arbeiteten für eine Weile in derselben Firma und wurden schließlich Freunde. Nun schreibt Queenie nach zwanzig Jahren, die sie keinen Kontakt mehr hatten, dass sie Krebs hat und in einem Hospiz an der schottischen Grenze ist. Es ist ein Abschiedsbrief, der Harold sehr zusetzt, da es etwas gibt, weswegen er sich in Queenies Schuld sieht. Hilflos versucht Harold, diesen Brief zu beantworten, doch mehr als ein verschämtes Dankeschön und ein kleiner Satz des Bedauerns will ihm einfach nicht gelingen. Er verabschiedet sich von seiner Frau Maureen, um diesen Brief einzuwerfen, doch je näher er dem Briefkasten kommt, desto klarer wird ihm, dass diese kleine Nachricht nicht reicht. Und so lässt er einen Briefkasten nach dem anderen hinter sich, bis er sich entschließt, ein Zeichen zu setzen und zu Fuß nach Berwick upon Tweed zu gehen. Er hinterlässt Queenie eine Nachricht, in der er sie bittet, auf ihn zu warten:

    Solange ich gehe, muss sie leben. Bitte sagen Sie ihr, dass ich sie diesmal nicht im Stich lassen werde. (S. 28)

    Und so marschiert Harold los, in Hemd und Krawatte, in seinen ganz normalen Segelschuhen und ohne Gepäck, einfach so, wie er ist. Vor ihm liegt eine Strecke von knapp 1000 Kilometern und schnell wird klar, dass er diesen Fußmarsch nicht nur für Queenie macht, sondern für alles, was in seinem Leben schief lief. Er läuft für seine Frau, zu der er seit 20 Jahren nur noch ein sehr abgekühltes Verhältnis hat. Er läuft für seinen Sohn, dem er nicht der Vater war, der er sein sollte. Und er läuft auch für sich, in dem Versuch, einer lebenslangen Schüchternheit und Ängstlichkeit zu entkommen, die ihn immer lähmte. Und so ist diese Pilgerreise Harolds erster Versuch, in seinem Leben wirklich etwas zu bewegen. Zum ersten Mal ist er nicht nur stiller und duldender Zuschauer, nein, er ist Akteur. Er kommt mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch und dabei lernt er nicht nur etwas über sie, sondern auch ganz viel über sich selbst.
    Harold auf dieser Reise zu folgen hat mich sehr berührt. Rachel Joyce vermittelt ihren Lesern mit sehr viel Gefühl, wie falsche Entscheidungen ein ganzes Leben prägen, aber sie lässt uns nicht ganz hoffnungslos zurück, denn sie zeigt auch, dass es immer noch möglich ist, die Notbremse zu ziehen und etwas zu ändern.
    Mit "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" ist der Autorin ein ganz besonderer Roman gelungen, der so viel mehr zu bieten hat, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Hier geht es nicht nur um ein paar kleine Reiseanekdötchen, nein, es geht um ein ungelebtes Leben, um ein letztes Aufbäumen und den Kampf um Liebe, Treue und Loyalität, vor allem aber geht es um Vergebung. Absolut lesenswert!

    stars5

  • [263] Guillaume Musso: Nachricht von dir

    Smartphone_gerahmt
    © Peter Strauch  / pixelio.de

    Musso_Nachricht von dirSchon lange habe ich kein derart überzogenes und mit Klischees gespicktes Buch mehr gelesen wie dieses!
    Die Geschichte ist schnell umrissen: Jonathan, ein französischer Koch aus San Francisco, und Madeline, eine britische Floristin aus Paris, krachen auf dem New Yorker Flughafen ineinander, werfen sich Unartigkeiten an den Kopf und merken erst, als sie schon wieder daheim sind, dass sie ihre Smartphones vertauscht haben. Sie verabreden, die wertvollen Handys auf dem Postweg wieder zu tauschen, finden aber dann zuviel Gefallen daran, in den privaten Dateien des jeweils anderen zu stöbern. Dabei entdecken sie einen dunklen Punkt in der Vergangenheit des anderen, an dem sich ihre Schicksale bereits schon einmal gekreuzt haben, wenn auch ohne dies zu merken. Mit dieser Entdeckung beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn plötzlich holt Vergangenes sie ein und wird wieder wichtig.
    An diesem Punkt wird aus einer kleinen Liebesgeschichte à la "e-m@il für dich" ein rasanter Thriller, was ich an sich gar nicht schlecht fand. Nur leider sind die Figuren und ihre Motivationen so unglaubwürdig und hanebüchen, dass ich mich meistens einfach nur geärgert habe. Es mag ja noch angehen, dass man sich auf einem vertauschten Smartphone mal ein paar Bilder des anderen anschaut, aber dass man derart intensiv in die Privatssphäre eines Fremden eingreift, will mir nicht stimmig erscheinen. Jonathan versucht eine durch ein Passwort geschützte Datei zu öffnen und schlägt sich ganze Nächte um die Ohren, um den Code zu knacken. Madeline geht sogar so weit, ihr eigenes Wohl aufs Spiel zu setzen, um in Jonathans Privatleben rumzuschnüffeln. Da kann mir doch niemand erzählen, dass das ein normales Verhalten ist. Und über diese Irritation bin ich während des gesamten Romans nicht hinweggekommen: wenn ich die Motivation für ihr Handeln nicht nachvollziehen kann, sie sogar für vollkommen unmöglich halte, kann ich diesen Figuren nicht nahekommen und auch die Geschichte war so nicht zu genießen.
    Und so gibt es für mich am Ende nur ein Fazit: eine Geschichte, die keine logische Basis hat und sprachlich seicht dahinplätschert, vermag mich nicht zu fesseln. Das konnte selbst der thrillige Teil nicht mehr retten, in dem ebenfalls zu sehr mit Klischees um sich geschmissen wurde, denn auf einmal kommen noch der MI6, das FBI und diverse Drogenkartelle ins Spiel - das ist einfach zu viel des Guten!

    stars2

  • [262] Téa Obreht: Die Tigerfrau

    Tiger_gerahmt
    © Stefanie Raase  / pixelio.de

    Obreht_TigerfrauDies ist definitiv ein Buch, von dessen Titel und Umschlaggestaltung man sich nicht in die Irre führen lassen sollte. Das quietschgelbe Cover mit dem Tiger und der Titel "Die Tigerfrau" ließen bei mir anfangs nur einen Gedanken zu: ach je, ein Frauenroman. Und hätte mich nicht die Rezension einer Freundin, auf deren Urteil ich vertraue, vom Gegenteil überzeugt, wäre dieses Buch wohl nie in meine Hände gelangt. Doch dieser Roman ist so gar nicht das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Dies ist kein Frauenroman, oh nein, es ist zauberhafte Erzählkunst, in der Geschichten gesponnen werden wie pures Gold.
    Zum einen ist da die Rahmenhandlung rund um die junge Ärztin Natalia, die gemeinsam mit einer Freundin auf dem Weg in ein Waisenhaus ist, in dem sie die Kinder untersuchen und impfen soll. Auf dem Weg erfährt sie vom Tod ihres Großvaters, der seiner Frau sagte, er reise der Enkelin nach und der nun in einem Ort, der etwa eine Stunde von Natalias Einsatzort entfernt liegt, gestorben ist. Hat er die Wahrheit gesagt oder hatte seine letzte Reise nichts mit Natalia zu tun? Das führt zu den zwei großen Binnenhandlungen, die von den beiden einprägsamsten Geschichten in der Vergangenheit des Großvaters berichten - und diese Binnengeschichten sind feinste Fabulierkunst! Sie erzählen von der Tigerfrau und dem Mann, der nicht sterben kann, und sie haben eine zauberhafte und leicht mystische Aura. Sie erinnerten mich ein wenig an die Geschichten von Zafón, die ebenfalls in der uns bekannten Welt spielen, aber noch eine andere Wahrheitsebene kennen.
    Wer diesen Roman liest, sollte offen sein für Mystisches und den Aberglauben des einfachen Volkes, sollte bereit sein, sich dem unmöglich Erscheinenden zu öffnen und es zuzulassen. Für mich war diese Lektüre eine kleine Offenbarung: eine zauberhafte Geschichte von einer jungen Autorin, die ihre Sache wirklich gut gemacht hat. Denn nicht nur die Geschichte an sich war ein Genuss, auch sprachlich weiß Téa Obreht zu überzeugen. "Die Tigerfrau" ist eine wirklich glanzvolle Debütleistung und hat mich auf ganzer Linie überzeugt - davon bitte gerne mehr!

    stars5

Mein Bewertungssystem - natürlich nach ganz individuellen Gesichtspunkten:

stars5 Genial, ein absolutes Muss!

stars4 Ein sehr gutes Buch!

stars3 Gut, mit kleinen Schwächen!

stars2 Mittelmäßig, nur bedingt zu empfehlen!

stars1 Finger weg!

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